Maria Isabel Barreno:
Der Herr der Inseln
(Roman)
Aus dem Portugiesischen von Renate Heß (2005)
358 Seiten, 24,80 , ISBN 3-925867-89-9
Die Geschichte des jungen portugiesischen Kapitäns Manuel António Martins, der im Jahre 1792 auf der Insel Boavista (Kapverden) Schiffbruch erleidet. Mit seinem Leben und dem seiner Familie erzählt Maria Isabel Barreno auch die Geschichte der Kapverdischen Inseln bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Lebendig und anschaulich, spannend und in leuchtenden Farben geschrieben, verbindet dieser Roman Alltagsleben und Weltpolitik.
"Das Bild einer Kolonialepoche,
gemalt in den Farben von Erde und Meer. Eine brillante Fiktion
über die Fakten eines wirklichen Lebens: das des
Urururgroßvaters der Schriftstellerin." (Visão)
"Das Interesse der portugiesischen Literatur an der
Geschichte erreicht hier existenzielle Tiefe." (Jornal de
Letras)
Maria Isabel Barreno (* 1939) wurde als Schriftstellerin
international durch den gemeinsam mit Maria Teresa Horta und
Maria Velho da Costa ("die drei Marias") verfassten
feministischen Briefroman Neue
Portugiesische Briefe bekannt. Dieser Roman liegt auf
Deutsch in der edition tranvía vor, desgleichen Maria Isabel
Barrenos Erzählband Die Nonne und der
Mörder.
MARIA JOSEFA ENTDECKT BARFUSS
DIE LIEBE
"Häufig zog sie die Schuhe aus, um am Strand entlang zu
spazieren, erzählte sie mir an den zärtlichsten Nachmittagen
meiner Kindheit, wenn ich mich nach einer Krankheit erholte und
ich dann intensiv die Liebe meiner Mutter und meines Vaters
spürte.
Häufig zog meine Mutter die Schuhe aus, häufig tadelte mein
Großvater sie deswegen, ohne das Unpassende von Stiefeletten und
Satinschuhen in tropischem Sand und auf holprigem Boden zu
berücksichtigen, erzählte sie mir. Nichts darf uns dazu
bringen, die Zivilisation aufzugeben, sagte mein Großvater. In
der Abwesenheit meines Großvaters und in der geeigneten
Jahreszeit, wenn die sengende Sonne den Sand nicht zum Glühen
brachte, zog meine Mutter vorsichtig und unerschütterlich die
Schuhe aus. Auf diese Weise verhielt sie sich immer bei all ihren
Handlungen: sanft und nachgiebig im Benehmen, unerschütterlich
und gewissenhaft in ihren Absichten.
Sie rannte zum Strand, um selbst die in Ohnmacht gefallenen
Schiffbrüchigen und das auseinandergebrochene Schiff, das wenige
Meter hinter der Brandung im Wasser schaukelte, zu untersuchen.
Die Sklaven sagten ihr, dass sie nicht vorsichtig genug sein
könne, und machten erschrockene Augen, wobei das Weiße um die
dunkle Iris stark hervortrat. Vorsicht, Fräulein, kann sein
Pirat. Häufig gab es Überfälle von Freibeuterschiffen und
Piraten. Aber meine Mutter beachtete weder die Anweisungen meines
Großvaters noch die Bitten der Sklaven. Sie machte sich auf zum
Strand, barfuß, neugierig und menschenfreundlich. Sie war damals
fünfzehn Jahre alt ..." (aus Der Herr der Inseln)
"Mit viel Liebe zum Detail vermittelt Barreno dem Leser ein lebendiges und anschauliches Bild dieser [kapverdischen] Inselwelt. Man möchte fast von einem Feuerwerk geradezu poetischer Bilder sprechen." (Beatrice Nickel in "Lusorama")
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